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23. Sonntag im Jahreskreis

Veröffentlicht am 05.09.2014

Röm 13, 8-10

Können Sie sich vorstellen, dass Steuerzahlen etwas mit Nächstenliebe zu tun hat? An eine solche Verbindung denken wir vermutlich nie. Grundsätzlich gehört ja auch das Bezahlen von Steuern zu den unbeliebtesten Faktoren unseres Alltags. Schwer vorstellbar, dass die Liebe zum Nächsten sich auch in der Steuerehrlichkeit ausdrückt. Für Paulus allerdings ist dieser Zusammenhang offensichtlich.

Unmittelbar vor dem Satz, mit dem unsere Lesung einsetzt, spricht Paulus davon, dass das Bezahlen von Steuern ein Beitrag zur öffentlichen Ordnung ist. Die Christen in Rom sollen also ihre Steuern nicht schuldig bleiben. Alles, was zur Ordnung des Zusammenlebens gehört, hängt eng mit der Nächstenliebe zusammen. Der Begriff „Liebe“ wird dabei nicht im Sinne von Schmetterlingen im Bauch oder rosaroten Wolken verwendet. Es geht um eine gerechte soziale Ordnung. Ein Element ist in diesem Zusammenhang die Steuerehrlichkeit. Auf einem anderen Blatt steht allerdings, ob Regierungen diese Gelder auch im Sinne der Gerechtigkeit verwenden. Bei uns könnten wir natürlich auch die Kirchensteuer unter diesem Gesichtspunkt sehen, meinen Teil zum Leben der Gemeinschaft beizutragen.

Nächstenliebe, wie Paulus sie hier sieht, ist ein Programm für Gerechtigkeit. In unserer Zeit muss wohl die Gerechtigkeit im Geist der Zuwendung und des Lebensrechts für jede und jeden weltweit buchstabiert werden. Schließlich haben wir es nicht verdient durch unsere Leistung, unter sehr günstigen Bedingungen zu leben. Es ist irgendwie schwer möglich, das Leben von Menschen, die von Geburt an keine Chance haben, als Pech abzutun oder zu erklären, das gehe uns doch nichts an. Das hat nichts mit irgendwelchen emotionalen Geschichten zu tun, sondern zielt auf eine vernünftige Ordnung des Zusammenlebens auf unserem Planeten. Ist es letztlich wirklich vernünftig, immer nur darauf zu beharren, was Meines ist, was meine Interessen, meine Rechte sind?

Es sind spannende Fragen, an die der Zusammenhang von Nächstenliebe und Gerechtigkeit rührt: Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern etwa. Oder: Was sagt es über die Gerechtigkeit unserer Gesellschaft, wenn die Schere zwischen Reichen und Armen immer weiter auseinandergeht? Um Nächstenliebe in diesem sozialen Sinn zu verwirklichen und zu akzeptieren, brauche ich allerdings schon ein etwas weiter entwickeltes Bewusstsein. Ich muss zumindest die Welt auch aus der Perspektive der anderen sehen können. Ich muss verstehen, dass sich nicht alles nur um mich und meine Sorgen oder Anliegen dreht. Ich muss verstehen, dass es nicht darum gehen kann, meine Lebensmöglichkeiten zu maximieren, sondern die Umstände für alle zu optimieren. Das ist für Christen keine Kann- Bestimmung, sondern eine Verpflichtung.

Natürlich ist damit noch nicht alles über die Nächstenliebe gesagt. Sie berührt auch mein ganz persönliches Verhalten im Alltag. Sie weist nicht nur den Weg zu einer gerechten Sozialordnung oder zu einer gerechten Wirtschaftsordnung. Sie weist auch den Weg zum Nächsten, dessen Not mich unmittelbar berührt. Sie lässt Menschen bei Trauernden aushalten und Einsamen Zeit schenken. Sie veranlasst Menschen, über die Schuldigkeit hinaus zu teilen und freigebig zu sein. Sie motiviert Menschen, zu helfen und Lasten mitzutragen.

Ja zur Nächstenliebe heißt, Ja zu sagen zu einer gerechten Ordnung des Zusammenlebens. Ja zur Nächstenliebe heißt auch, Ja zu sagen zu einem einfühlsamen und hilfsbereiten Umgang mit den Menschen, die mir begegnen. Und beides ist nichts, das wir uns als Verdienst zugutehalten könnten, es ist schlicht unsere Schuldigkeit.